Exkursionstipp: Picknick mit dem Wanderschäfer in Oberfranken

Exkursionstipp: Picknick mit dem Wanderschäfer in Oberfranken

von 15 April, 2021 0
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Ein Schäfer mit seiner Herde auf einer Wiese, darübergelgt ist der Text "Picknick mit dem Wanderschäfer"

Was haben Schafe mit Natura 2000 zu tun? – Das Schaf an sich ist ja jetzt erstmal keine geschützte Art. Stimmt. Aber an dieser Geschichte ist noch mehr dran.

John Muir, einer der Vordenker der Naturschutzbewegung in den USA, verbrachte 1869 mit einer Schafherde einen Sommer in der Sierra Nevada, im Gebiet des heutigen Yosemite Nationalparks. Die Schafe, die sich hungrig auf das frische Grün stürzten, beschrieb er als eine „wollige Heuschreckenplage“ und war besorgt, sie könnten die Blumenpracht, die er so sehr bewunderte gänzlich abfressen und zertrampeln.* Muir hatte allerdings auch Mitleid mit den „armen, staubigen, ziemlich zerlumpten, hungrigen Tieren“ und beobachtete interessiert ihr Sozialverhalten.

Keine Frage, eine von Schafen abgegraste Wiese sieht jetzt erst mal ziemlich – naja, abgefressen, aus. Aber in manchen Lebensräumen erfüllen hungrige Schafe eine wichtige Funktion als vierbeinige Landschaftspfleger. Magerrasen und Wacholderheiden sind nicht nur schön anzusehen, sondern auch artenreiche Lebensräume, die speziell angepassten Pflanzen und Tieren ein Zuhause bieten. Sie stehen auf trockenen, nährstoffarmen, meist abgelegenen und steilen Lagen, die meistens keine andere Nutzung als Beweidung zuließen. Der Verbiss durch Weidetiere hält die Flächen offen. Durchsetzen können sich insbesondere Pflanzen, die daran angepasst sind. Wacholderheiden und Mager- und Trockenrasen sind besonders insektenreich. Die an die extensive Beweidung angepassten Lebensräume und Tier- und Pflanzenarten sind darauf angewiesen, dass diese fortgeführt wird: Wird nicht mehr beweidet, so setzen sich konkurrenzstärkere Pflanzen durch, die Flächen verbuschen und langfristig kann auch Wald entstehen. Wärmeliebende Arten, die auf offene Flächen angewiesen sind, finden dann keine geeigneten Lebensbedingungen mehr vor. Zu ihrem Schutz ist es daher wichtig, dass die Beweidung fortgeführt wird. Zugleich werden schöne Landschaften erhalten, die einen weiten Blick ermöglichen und auch für menschliche Besucher attraktiver sind als stachelige Gebüsche. Die Schafe ersparen dabei die mühsame und teure Entfernung des Gehölzaufwuchses, der bei ausbleibender Nutzung schnell einsetzt.

Die artenreichen Magerrasen der Lechheiden zum Beispiel verdanken ihre Entstehung vor allem der Wanderschäferei. Noch bis vor 150 Jahren zogen Hirten aus ganz Süddeutschland in den Sommermonaten auf die Lechheiden, die aufgrund ihres spärlichen Aufwuchses günstiges Weideland waren. Heute ist dieser Lebensraum stark gefährdet. Um ihn zu erhalten und den Wanderschäfern ein faires Einkommen zu sichern, vermarktet der Landschaftspflegeverband der Stadt Augsburg das Lechtal Lamm. Auch in der Fränkischen Schweiz sind die typischen Wacholderheiden und Trockenrasen Bestandteil einer artenreichen Kulturlandschaft, die durch jahrhundertelange Beweidung mit Schafen entstanden ist. Dort bringt die Erzeugergemeinschaft Jura-Lamm e.V. Schäfer, Metzgereibetriebe und Gaststätten der Region zusammen, um Lammfleisch von den Wacholderheiden zu vermarkten. Auch die Magerrasen an den Oberpfälzer Jurahängen, die im Projektgebiet von Juradistl liegen, werden von Schafen und ihren Hirten erhalten: Die Magerrasen sind Lebensraum für tausende von Tier- und Pflanzenarten. Viele sind bereits hochgradig gefährdet und auf die besonders trockenen Verhältnisse der offenen, von der Sonne verwöhnten Flächen angewiesen. Diese Lebensräume brauchen den Schäfer und seine Herde, denn sie würden ohne Beweidung zuwachsen. Ohne Schäfer stirbt die Landschaft.

Was haben Schafe also mit Natura 2000 zu tun? Ganz einfach, sie können dabei helfen, gefährdete Tier- und Pflanzenarten und besonders wertvolle Lebensräume zu erhalten. Allerdings braucht es dafür fachkundige Aufsicht, denn das hungrige Schaf weiß ja nicht, wo sein Appetit einen wertvollen Beitrag zum Naturschutz leisten kann und außerdem muss es da auch erst mal hinkommen. Und deswegen braucht es die Wanderschäfer und –schäferinnen, eine Berufsgruppe mit langer Tradition.

Wenn Sie sich selbst ansehen möchten, wie der Arbeitsalltag eines Wanderschäfers aussieht und mehr über die wichtige Aufgabe, die er und seine Tiere erfüllen, erfahren wollen, dann haben wir einen ganz besonderen Ausflugstipp für Sie: Die VHS Lichtenfels organisiert regelmäßig Exkursionen bei denen sie die wolligen Landschaftspfleger und ihren Hirten bei der Arbeit besuchen können. Bei einer Expertenführung lernen Sie die Pflanzen und Tiere der Wachholderhänge kennen und begegnen dem Wanderschäfer inmitten seiner Herde, wo er von seiner Arbeit erzählt. Auf der Weide gibt es außerdem auch ein Picknick mit Spezialitäten vom Schaf. Alle Informationen, die Termine und Anmeldemöglichkeiten finden Sie auf der Webseite der VHS Lichtenfels und in der Broschüre.

 

* John Muir, My First Summer in the Sierra, 1911.

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